Wenn es um die Frage nach der Entstehung, nach dem Ursprung der Graphologie geht, werden immer wieder Namen wie Camillo Baldo oder Johann Caspar Lavater genannt. Aber keiner wird bezweifeln, dass die eigentliche Graphologie, in ihrer umfänglichen und systematischen Form betrieben, erst später in Frankreich und dann fast gleichzeitig in Deutschland zu sich selbst fand.
In Frankreich sind mit dem Beginn der Graphologie vor allem Personen wie Michon und dann nachfolgend Crépieux-Jamin in Verbindung zu bringen, in Deutschland L. Klages und sein Kreis sowie Max Pulver in der Schweiz. Die Graphologie, wie wir sie heute kennen, entstand und formte sich im ungefähren Zeitraum von 1870 – 1940. Sie entstand auf dem Hintergrund einer Geisteshaltung, einer philosophischen Strömung, die vor allem in Deutschland, aber auch in Frankreich, gerade in jener Zeit vorherrschend war bzw. ihre Blütezeit hatte – die Lebensphilosophie.
Ohne jene philosophische Strömung, die das Geistesleben jener Zeit durchdrang, hätte sich die Graphologie möglicherweise nicht so entwickeln können, wäre die Graphologie nie die, die sie heute ist. Bezeichnend für die enge Bindung an die Lebensphilosophie sind folgende Aspekte:
- Die Graphologie hat sich vor allem in den beiden Sprachräumen entwickelt, in denen auch die Lebensphilosophie ihre Blütezeit erlebte.
- Es besteht eine starke zeitgeschichtliche Parallele. Im Grunde sind die Zeiträume der Hochzeiten von Graphologie und Lebensphilosophie identisch. Es ist der oben bereits erwähnte Zeitraum von 1870 – 1940.
Allein diese Gleichzeitigkeit weist auf eine starke ideelle Nähe hin. Nach dem 2. Weltkrieg dann verloren allmählich Graphologie und Lebensphilosophie an Einfluss – sieht man im Falle der Graphologie von einzelnen wichtigen Veröffentlichungen ab (Müller/Enskat, Pfanne, etc.), die aber allesamt lediglich das Bestehende aufgriffen und neu verpackten, bzw. systematisierten. Überhaupt hat sich seitdem wenig wirklich Neues getan. Die überwiegende Zahl der Nachkriegsautoren gibt in erster Linie das wieder, was vorher Michon, Klages, Pulver, Pophal und Heiß beschrieben haben. Daran hat sich bis heute wenig geändert.
Graphologie und Lebensphilosophie sind also offensichtlich parallele Geschehen. Inwieweit dies auch inhaltlich und methodisch der Fall ist, soll im Folgenden untersucht werden.
„Was Lebensphilosophie ist, läßt sich schwer umreißen, schon wegen ihrer Vielgestaltigkeit, hauptsächlich aber deswegen, weil, was Leben ist, immer unklarer wurde, je mehr die Lebensphilosophen darüber schrieben. Am besten versteht man den Begriff vielleicht von seinem Gegensatz her, von dem man sich insgesamt abzusetzen pflegte, vom mechanistischen, schematisierenden, an der Oberfläche haftenden, mathematisch-rationalistischen und statischen Denken, das in der Neuzeit entstand und nicht zuletzt durch Kants Wissenschaftslehre verfestigt worden war. Ihm gegenüber will man das Ir-rationale, das Einmalige, Innerliche, Seelische, Erlebnismäßige, Dynamische wieder in Anschlag bringen.“ (Johannes Hirschberger – Geschichte der Philosophie)
Man hatte am Ausgang des 19. Jahrhunderts genug von der Vernünftelei und ihren Auswirkungen. Viele Studenten waren der Logikseminare in der steifen Atmosphäre der Universitäten überdrüssig. Junge Intellektuelle zweifelten die Lehren der Professoren an. Ihnen erschien die vorherrschende Weltanschauung blutleer und starr. Man bezweifelte, dass der menschliche Verstand alles vermöge, dass die menschliche Vernunft der einzige Weg zur Erkenntnis sei und letztlich zur völligen Beherrschung der Natur und des Schicksals führe.
Bislang deutete alles daraufhin, dass die Rationalisten Recht hatten. Die Naturwissenschaften hatten die Welt verändert, Maschinen bestimmten mehr und mehr das Leben der Bürger. Die Industrialisierung schritt unaufhaltsam voran. Technische Neuerungen formten die Arbeitswelt. Und doch war da eine gewisse Kälte und Leere in der neuen so erfolgreichen Zeit. Es bleib scheinbar immer weniger Raum für Unmechanisches, Unberechenbares, Spontanes und Kreatives. Man versuchte alles in Regeln, Strukturen und Gesetze zu pressen.
Da nun jede starke Bewegung ohne Gegenbewegung nicht denkbar ist, kann es keinen verwundern, dass in jenen Zeiten sich vermehrt Widerstände regten, die gewissermaßen als Antithese zu vorherrschenden Denkweisen andere, antirationale und naturwissenschaftskritische Sichtweisen entwickelten.
Die Lebensphilosophie geht vom Begriff des Lebens aus. Besser gesagt: weniger vom Begriff, als denn vom Leben, vom Er-leben, vom Lebensgefühl.
Wilhelm Dilthey sieht den Ausweg in einer eigenständigen Geisteswissenschaft, die sich unabhängig von den vernunftgesteuerten Naturwissenschaften macht und so den Menschen zu neuen und zukunftsweisenden Ufern führt.
Ähnliches fordert Henri Bergson. Der weltweit wohl prominenteste Vertreter der Lebensphilosophie stellt fest, dass Naturwissenschaften wohl für den Raum, für Zahlen und geometrische Figuren zuständig sind, nicht aber für die Zeit, deren Wesen Bergson als ständig fließend, unumkehrbar und inhomogen betrachtet. Zeit ist nicht mit naturwissenschaftlichen Methoden in ihrem Wesen erfassbar. Das ist nur intuitiv möglich.
Überhaupt setzt die Mehrzahl der Lebensphilosophen dem Verstand die Intuition entgegen. Man glaubt hier ein wichtiges Element der Erkenntnis zu haben, das nicht vernachlässigt werden darf. Dem Leben und einer angemessenen Philosophie kann man demnach nur gerecht werden, wenn man jene Sphären berücksichtigt, die mit modernen Begriffen wie „Bauchgefühl“ oder „emotionale Intelligenz“ beschrieben werden können.
Für die Lebensphilosophie gilt jene auch von Goethe unterstützte Auffassung Kants, dass es einen „Newton des Grashalms“ nie geben wird, bzw. nicht geben kann, da das Leben in seinem Innersten mit naturwissenschaftlichen Methoden nicht beschreibbar ist. In diesem Zusammenhang kann ein Zitat aus Goethes Faust gut den Standpunkt der Lebensphilosophie verdeutlichen:
„Geheimnisvoll am lichten Tag
läßt sich Natur des Schleiers nicht berauben
und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag,
das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben.“
Und so besinnt sicht die Lebensphilosophie denn auf das Erleben. Viele Lebensphilosophen schwärmen nicht nur vom Leben, vom Gefühl, von den Emotionen. Sie wollen das Leben am eigenen Leibe spüren. Sie wollen intensive Momente des Lebens erfahren. Von Ludwig Klages ist dies aus seiner Schwabinger Zeit bekannt, wo er ein Initiator und maßgebliches Mitglied des sogenannten „kosmischen Kreises“ ist. Ein loser Verbund junger Studenten im Münchener Stadtteil Schwabing um die Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert, der, sich auch Blutleuchte nennend, das erkaltete Blut zum Leuchten bringen, es erwärmen, es erstrahlen lassen – es kurzum beleben will.
Es ist kein Zufall, dass viele Vertreter der Lebensphilosophie keine Professur innehaben und nicht an einer Universität dozieren (Klages, T. Lessing u. a.). Man will fort von den inhaltsleeren Gedankengebäuden, in denen die Kälte lebensfremder Konstrukte ihre vorhersehbaren Spielchen treiben. Man widersetzt sich dem Mainstream, den vorherrschenden Normen. Man will ausbrechen aus dem Vorgegebnen. Man will Eigenes, Andersartiges und Neugestaltiges erschaffen. Die Wendung gegen den dominierenden Rationalismus ist auch eine Wendung gegen die Aufklärung, gegen die Technik, gegen das etablierte Bürgertum und gegen die vorherrschende Moral.
“Und die philosophische Arbeit verläuft nicht als abseitige Beschäftigung eines Sonderlings. Sie gehört mitten hinein in die Arbeit der Bauern.” (Heidegger)
Man will die Philosophie aus den Studierstuben holen und den kalten Gedanken wieder Leben einhauchen. Das Unmittelbare ist der Lebensphilosophie näher als die Gedankenferne der universitären Seminare. Deshalb zieht sich ein Heidegger für das Schreiben in die Einsamkeit seiner Berghütte zurück und entwickelt seine Philosophie besonders dann, wenn draußen die Naturgewalten die kleine Behausung umtoben. Hier hält der Philosoph seine Seminare. Wer teilnehmen will, muss zunächst kilometerweit die Hänge hinauf, um dann Holz zu hacken, Wasser aus der Ferne zu holen und auf einem kargen Holzbett zu schlafen. Es gilt das Leben zu spüren.
Die Vertreter der Lebensphilosophie waren und sind Fortschrittsskeptiker, Zivilisations- und Technikkritiker. Sie misstrauten einem Fortschritt, der sich vor allem auf der Basis eines naturwissenschaftlich-rationalen Denkens bewegte. Reaktionäre Antimodernisten, wie ihnen oftmals unterstellt wurde, waren sie indes nicht. Sie träumten von einer naturnahen Wendezeit; von einer Einheit von Körper, Geist und Seele und von einer unverkrusteten Gesellschaft, die dem Leben und einer unverstellten Leiblichkeit mehr Raum gibt.
Die ersten ökologischen Impulse des vergangenen Jahrhunderts gingen von der Lebensphilosophie aus. Dies ist nicht weiter verwunderlich, da in jener Geistesströmung eine Nähe zum Leben und zur Natur gefordert wurde. Die Wandervogelbewegung war Ausdruck einer derartigen Sehnsucht nach der Natur. Man empfand die Stadt und deren Industrieanlagen, die in jener Zeit mitten in die Großstädte integriert wurden, als Bedrohung. Die rauchenden Schlote der Fabriken vermittelten eine Naturferne. Der Umbau Welt, der städtischen und industriellen Landschaften, die fortschreitende Asphaltierung, die mäandernden Strommasten, all das befremdete und änngstigte die Menschen. Es entstand nicht erst in dieser Zeit eine Sehnsucht nach Ursprünglichkeit und nach einem unmittelbaren Naturerlebnis. Schon die Landschaftsmalerei keimte im Grunde erst auf, als Menschen begannen, sich in Großstädte und Industrieanlagen zurückzuziehen.
Aus Anlass der Jahrhundertfeier, die die Freideutsche Jugend 1913 auf dem Hohen Meißner veranstaltete, verfasste Ludwig Klages den Aufsatz „Mensch und Erde“. Klages bezeichnet den Naturschutz als „meine letzte Leidenschaft“. Er war Mitglied des Heimatschutzbundes und später trat er in den Schweizerischen Bund für Naturschutz ein. Klages beklagt den mannigfachen Eingriff des Menschen in die Natur und die Rücksichtslosigkeit, mit der dies geschieht. Tierarten werden dezimiert. Naturlandschaften werden zerstört.
„Unter dem schwachsinnigsten aller Vorwände, dass unzählige Tierarten schädlich seien, hat er (der Mensch) nahezu alles ausgerottet, was nicht Hase, Rebhuhn, Reh, Fasan und allenfalls noch Wildschwein heißt.“
Aber es geht ihm nicht nur um die heimische Natur. Der Eingriff des Menschen in die Natur, sein zerstörerisches Wirken ist ein globales Problem.
„Um die sogenannte Kulturmenschheit mit Billardkugeln, Stockknöpfen, feinen Kämmen und Fächern und ähnlich ungeheuer nützlichen Gegenständen zu versehen, werden nach den neuesten Berechnungen achthunderttausend Kilogramm Elfenbein jährlich verarbeitet. Das ist gleichbedeutend mit der Niedermetzelung fünfzigtausend der gewaltigsten Tiere der Welt.“
Klages macht deutlich, wie sich die Werte für den modernen Menschen verschoben haben. Er hat die Ehrfurcht vor dem Leben verloren und ist nicht mehr in der Lage, den Wert des Lebens zu schätzen. Alles wir aufgerechnet in Geld, alles hat einen Marktwert, Billardkugeln können wichtiger sein als Elefanten.
„Die Mehrzahl der Zeitgenossen, in Großstädten zusammengesperrt und von Jugend an gewöhnt an rauchende Schlote, Getöse des Straßenlärms und taghelle Nächte hat keinen Maßstab mehr für die Schönheit der Landschaft, glaubt schon Natur zu sehen beim An-blick eines Kartoffelfeldes und findet höhere Ansprüche befriedigt, wenn in den mageren Chausseebäumen einige Spatzen und Stare zwitschern.“
Kaum noch ist der Mensch in der Lage, zwischen Natur- und Kulturlandschaft zu unterscheiden.
„Zerrissen ist der Zusammenhang zwischen Menschenschöpfung und Erde, vernichtet für Jahrhunderte, wenn nicht für immer, das Urlied der Landschaft. Dieselben Schienenstränge, Telegraphendrähte, Starkstromleitungen durchschneiden mit roher Geradlinigkeit Wald und Bergprofile, sei es hier, sei es in Indien, Ägypten Australien, Amerika; die gleichen grauen vielstöckigen Mietskasernen reihen sich einförmig aneinander, wo immer der Bildungsmensch seine segensreiche Tätigkeit entfaltet.“
Der Markt und die ihm nachfolgende menschengeschaffene Infrastruktur triumphiert über die Natur. Wo sieht Klages, wo sehen viele Lebensphilosophen die Ursache für die Entfernung von der Natur, für die mangelnde Sensibilität gegenüber dem Leben? Zum einen ist da das Unvermögen des modernen Menschen, in ganzheitlichen Zusammenhängen zu denken und die Welt als in seinem Innern beseelt zu begreifen. Stattdessen betrachtet man Einzelteile unter materialistischen Aspekten.
„Wir brauchen es nicht zu entscheiden, ob das Leben über die Welt der Eigenwesen hinausreiche oder nicht, ob die Erde, wie es der Glaube der Alten wollte, ein lebendes Wesen oder aber (nach der Ansicht der Neueren) ein unfühlender Klumpen ‚toter Materie’ sei; denn soviel steht fest, dass Gelände, Wolkenspiel, Gewässer, Pflanzenhülle und Geschäftigkeit der Tiere aus jeder Landschaft ein tieferregendes Ganze wirken, welches das Einzellebendige wie in einer Arche umfängt, es einverwebend dem großen Geschehen des Alls.“
Das Naturbild, was hier dargestellt wird, trägt animistische Züge. Die Natur scheint belebt, nicht tot. Alles ist miteinander verwoben, nicht zerstückelt und aufeinander unbezogen. Tieren, Pflanzen und Objekten wohnt eine Seele inne. Sie sind Lebewesen wie der Mensch. Sie sind Geschöpfe der Natur und ebenso wie der Mensch in deren Kreislauf eingebunden und nicht reduzierbar auch Mineralien, Aminosäuren und Reststoffe, nicht reduzierbar auf einen kommerziellen Nutzen. Sie sind nicht als klonbar und patentierbar.
Die menschliche Vernunft gerät ebenso wie die Vorstellungskraft immer wieder an ihre Grenzen. Das ist jedem gegenwärtig, wenn er nur einmal versucht, sich Unendlichkeit vorzustellen. Die moderne Physik vertritt gegenwärtig mehrheitlich die sogenannte Urknalltheorie. Trotzdem bleibt es unbegreiflich, wie denn aus nichts etwas werden kann. Selbst für den Urknall müssen Urstoffe, Gase, Kräfte, Energien vorhanden gewesen sein, um den „Urknall“ zu erzeugen. Woher dies alles kam, bleibt unbegreiflich. Und es sind nicht wenige Wissenschaftler, die an einer derartigen Schnittstelle letztlich auf religiöse Erklärungen verfallen, weil eben hier die Grenzen des Rationalen erreicht sind und das Irrationale beginnt.
Robert Musil spricht vom „Schlafwagenabteil der mathematisch-logischen Erkenntnismethode“.
“Man ist Strohhalm und Atem, und die Welt die zitternde Kugel. In jedem Augenblick entstehen alle Dinge neu; sie als feste Gegebenheiten zu betrachten, erkennt man als inneren Tod … Das ist die Stimmung philosophisch schöpferischer oder philosophisch eklektischer Zustände. Man kann sie intellektuell als verspäteter Christ auslegen oder das Fließen des Heraklit an ihr demonstrieren, überhaupt allerlei heraus- und hineinlesen, unter andrem auch ein ganz neues Ethos. Glauben wir daran? Nein. Wir spielen damit Literatur. Galvanisieren Buddha, Christus und andere Ungenauigkeiten. Ringsum tobt die Vernunft in Tausenden von PS. Man trotzt ihr und behauptet, in einem verschlossenen Kästchen eine andere Autorität zu haben. Das ist der Sammelkasten Intuition. Man öffne ihn doch endlich und sehe, was darin ist. Vielleicht ist es eine neue Welt.”
Die Lebensphilosophie macht nun das Irrationale zum Thema, sie hat den Mut dazu, und zwar von vornherein, nicht nur, weil sie irgendwann nicht mehr weiter weiß, weil sie an die eigenen Grenzen geraten ist. Sie tut dies, weil sie das Leben als Ganzes betrachtet und nicht bereit ist, einfach Teile der Erfahrung auszuschalten und zu leugnen, weil diese nicht deckungsgleich sind mit einer vorherrschenden gesellschaftlichen, universitären und in Wissenschaftskreisen dominierenden Ideologie, die rationalistisch geprägt ist. Sie macht nicht vor einer Sache halt, wenn diese nicht durch exakte wissenschaftliche Kriterien darstellbar ist.
Rationalismus und Wissenschaft können mit Argumenten des Lebens oft nicht viel anfangen. Sie wollen messen, berechnen und benötigen Zielvorgaben, um Input und Output zu vergleichen. Ethische Fragen sind ihnen fremd. Spätestens hier, bei der Ethik, beginnt das weite Feld des Irrationalen. Was soll der Mensch tun? Was ist gut? Was ist böse? Was ist das Leben? Was ist lebenswert? Alles Fragen, die allein rational nicht zu beantworten sind und doch nicht unbeantwortet bleiben können, weil es sich um zentrale Aspekte des Lebens handelt. Und zum Leben gehört eben auch das Irrationale.
Der Begriff „irrational“ transponiert zumeist jede Menge negativer Assoziationen. Man verbindet damit Bedeutungen wie „unvernünftig“, „vernunftswidrig“ oder „unüberlegt“. Wer irrational handelt, der tut dies dem gemeinen Verständnis nach ohne jedes Nachdenken und ohne alle Überlegung. Wem zum Vorwurf gemacht wird, sein Denken sei irrational, dem gibt man zu verstehen, er unterliege Trugschlüssen, Fehldeutungen oder offensichtlichen Irrtümern. Mit dem Vorwurf des Irrationalen ist in der Regel auch immer der Vorwurf verbunden, man schalte seinen Verstand nicht ein, man überlege nicht richtig, nicht folgerichtig, vernachlässige wider besseren Wissens eine geltende Ordnung und komme schließlich zu falschen Schlüssen und Auffassungen. In diesem Sinne wird dann das Irrationale auch als absurd, konfus, unklar und widersinnig aufgefasst.
Die im allgemeinen Sprachgebrauch vorherrschende fast ausschließlich negative Bedeutung des Wortes „irrational“ reflektiert die geradezu übermächtige gesellschaftliche Position des Rationalen. Für die meisten Menschen ist das Rationale gleichbedeutend mit dem Wissenschaftlichen und eng mit der Vorstellung verbunden, dass die Wirklichkeit, dass die gesamte Lebenswelt mit Hilfe der Wissenschaft letztlich durchschaubar, beschreibbar und auch kontrollierbar ist.
Paul Feyerabend geht auf die Ursprünge des Begriffes „rational“ in der vorsokratischen Philosophie zurück und zeigt auf, dass im Sinne von Herodot und Protagoras „rational“ bedeutet:
„Wir sind daran gewöhnt und die Sache gefällt uns.“
Möglicherweise hat der österreichische Physiker und Nobelpreisträger Wolfgang Pauli Recht, wenn er fordert:
“Ich glaube, dass es das Schicksal des Abendlandes ist, diese beiden Grundhaltungen, die kritisch rationale, verstehen wollende auf der einen Seite und die mystisch irrationale, das erlösende Einheitserlebnis suchende auf der anderen Seite, immer wieder in Verbindung miteinander zu bringen.”
Es ist kein Zufall, dass die Hochzeit der Graphologie mit jener der Lebensphilosophie zusammenfällt. Ludwig Klages war einer der Einflussgeber der Lebensphilosophie in Deutschland. In ihm ergänzen sich beide Themen in einem geradezu paradigmatischen Ausmaß. Die Schriftdeutung wird bei Klages aus einem lebensphilosophischen System heraus entwickelt. Was zuvor nicht viel mehr als eine Ansammlung graphologischer Erfahrung war und im Fleiß Michons, in dessen Sammelleidenschaft von Handschriften und der darauf aufbauenden systematischen Zuordnung von Schriftzeichen und Eigenschaften einen vorläufigen Höhepunkt fand, erfuhr nun eine qualitative Weiterentwicklung, mehr noch – eine Neuorientierung. Denn nun erst bekam die Graphologie ein Fundament.
Die Zusammenführung von Lebensphilosophie und Graphologie war im Grunde ein Quantensprung für die Schriftpsychologie. Denn nun war die Deutung der Handschrift nicht mehr bloß ein empirisches Geschehen, sondern sie erhielt eine philosophische Basis, einen gedanklichen und vor allem weltanschaulichen Untergrund. Klages Erkenntnis der einander gegenüberstehenden Prinzipien von Geist und Seele führte ihn zu der Annahme der Polarität der Schriftzeichen. Auch der in der Lebenswelt wirkende Rhythmus, jenes Naturphänomen des Lebendigen, fand seine Entsprechung in der Handschrift. Gleiches gilt für den Gegenpol, den Takt als Ausdruck des Künstlichen, Rationalen und Unlebendigen.
Und doch waren in der Graphologie, und insbesondere in deren deutscher Gestaltung immer schon lebensphilosophische Einflüsse vorhanden. Die intuitive Deutung der Handschrift ist seit Lavater eine wesentliche Methode, auf die bis heute nicht verzichtet werden kann. Das sich Einfühlen in die Schriftgestalt und die assoziative Verfahrensweise besitzen eine starke Nähe zu jener lebensphilosophischen Grundstrategie, die Dilthey als „Hermeneutik“ bezeichnet. Dilthey hat den Begriff zwar nicht erfunden, aber aus der künstlerischen Nische in das wissenschaftliche Interesse gerückt. Unter Hermeneutik versteht er ein systematisches Vorgehen im Dreischritt von Erkennen, Verstehen, und Interpretieren.
Das Wahrnehmen, das Verstehen – und hier ist der Akt der Auffassung, mithin das unmittelbare Verstehen gemeint – und letztlich die Interpretation: Das sind auch wesentliche Elemente der Graphologie. Die mechanische Analyse, das bloße Addieren von Schriftzeichen, das Ausmessen, das Vermessen – all dies tritt in den Hintergrund gegen-über dem deuterischen Vorgehen. Graphologie ist Schriftdeutung, ist Schriftinterpretation und setzt als solches die Einfühlung voraus. Es handelt sich dabei im Wesentlichen um Elemente der Hermeneutik und der Lebensphilosophie. Graphologie ist sozusagen über weite Strecken eingebunden in einen lebensphilosophischen Kontext, der geschichtlich und, wenn man so will, schicksalsmäßig mit ihr verbunden ist.
Lebensphilosophie, bedeutet in gewisser Hinsicht aktive Philosophie. Man lebt. Man will das Leben in sich spüren. Lebhaftigkeit, Bewegung, Aktivität und Intensität gehören zum Leben dazu, machen es aus, sind bestimmend und gestaltend. Während die Rationalisten in der Einförmigkeit ihrer Denkhöhlen verharren und ängstlich Ab- und Umwege vermeiden, wenden sich die Lebensphilosophen dem Erleben zu. Die einen sind mehr zielorientiert. Für die anderen ist eher oder zumindest auch der Weg das Ziel. Für Graphologie und Lebensphilosophie gilt: Ohne Einfühlung, ohne Sinnlichkeit, ohne Nacherleben, ohne Intuition und Kreativität geht es nicht. Dies sind sogar die wesentlichen Elemente, hinter denen das Rationale zurückstehen muss. Das Warme siegt über das Kalte, die Nähe dominiert über die Ferne, das Organische steht über dem Anorganischen.
Ein anderes Merkmal der Lebensphilosophie ist auch das „Außeruniversitäre“. Man kann beinahe sagen – die Opposition zum universitären Wissenschaftsverständnis. Man entwickelt sich vor allem außerhalb des Universitätsbetriebes, sei es gewollt oder ungewollt.
Die meisten Lebensphilosophen haben hauptsächlich außerhalb der Universität gewirkt. Klages war im Grund Zeit immer Privatgelehrter. Theodor Lessing arbeitete als Journalist. Georg Simmel erhielt erst spät eine Professur. Nietzsche gab die universitäre Laufbahn aus freien Stücken auf. Der Klagesfreund Alfred Schuler, den man getrost als Lebensphilosophen bezeichnen kann, wirkte nur durch seine Vorträge und verhinderte immer wieder, dass schriftliche Zusammenfassungen seiner Gedanken publiziert wurden. Erst postum veröffentlichte Klages einiges von und über ihn. Ebenso wie die Lebensphilosophie im Wissenschaftsbetrieb nie richtig Fuß gefasst hat, weil sie dem Leben zu nah und der Wissenschaft zu fern war, ebenso verhält es sich mit der Graphologie. Auch letztere hat sich nie richtig universitär etablieren können, oder sollte man nicht besser sagen – wollen.
Die nachfolgende Übersicht ist eine tabellarische Zusammenfassung der wichtigsten Elemente, Ideen, Wertvorstellungen und Ideologien, die für die Lebensphilosophie richtungsweisend sind (und ebenso für die Graphologie). Es werden jeweils nur die Schlagworte aufgelistet. Demgegenüber zur Abgrenzung und weil es so etwas wie der Gegenpol ist, finden sich entsprechende Begriffe, die mit dem Rationalismus assoziierbar sind.
| Lebensphilosophie |
Rationalismus |
| Irrationalismus |
Rationalismus |
| Gefühl |
Verstand |
| Unvernunft, Spontaneität |
Vernunft |
| Subjektivismus |
Objektivismus |
| Kreativität |
Logik |
| Praxis |
Theorie |
| Erfahrung |
Evaluation |
| Unbewusstes |
Bewusstes |
| Interpretation |
Analyse |
| Kunst |
Technik |
| Kreativität |
Kompilarität |
| Geisteswissenschaft |
Naturwissenschaft |
| Relativismus |
Absolutismus |
| Seele, Leben |
Geist, Verstand, Vernunft |
| Natur |
Technik, Mechanik, Industrie |
| Unsicherheitsdenken |
Sicherheitsdenken |
| Holismus (Ganzheitsdenken) |
Atomismus, Partikularismus |
Körper, Leib als untrennbarer
Teil der Seele |
Leib als bewusstlose Hülle |
| Ekstase, Emotionalität |
Ruhe, Besinnung, Nachdenken |
| emotionale Intelligenz |
rationale Intelligenz |
| Rhythmus |
Takt |
| Wertzuwachs |
Machtzuwachs |
| Relativismus |
Absolutismus |