Die Wildnis als Windmühlenfeind (3)

November 3rd, 2011

Ist die Vernunft allein getauft ?
Die Leidenschaften, sind sie Heiden?

(Kierkegaard)

Ich habe meine schönsten Reisen auf schlecht beleuchteten Wegen gemacht.

(Carl Schmitt)

Das Bestreben der Menschen, alles zu rationalisieren, hat sich tief eingegraben in die Köpfe. Der reine Glaube fristet ein Nischendasein und zerfasert mehr und mehr – scheinbar jedenfalls. Denn bei näherer Betrachtung ist der Rationalismus in seiner Reinform nichts anderes als ein Glaube, der Glaube nämlich, dass alles rationalisierbar ist und alles einen rationalen Grund hat.

Das Misstrauen gegenüber dem Gefühl, gegenüber Eingebung und Intuition, ist tief verurzelt im modernen Menschen. So tief, dass es ins kategorische Abseits gedrängt wird, indem eigens dafür ein Gedankengefängnis geschaffen wird. Man nennt es Esoterik. Eine Art geduldete Spielwiese für Spinner. Ein Freiraum für Unangepasste, für Traumtänzer und Metaphysiker. Ein Separatorium für Unbestimmbares und Letztfragen. Ein Parallelgeschehen des Sinnlosen.

Und manche sehen gar in dieser ausgegrenzten Enklave eine Gefahr, indem nämlich die sich dort Umtreibenden nicht nur sich selbst schaden, sondern anderen auch. Die Schadhaftigkeit nun soll in der Abkehr von der vermeintlichen Wirklichkeit bestehen. Denn jene, die sich in geistiger Umnebelung ergehen, verdunkeln nicht nur ihren eigenen Verstand, sondern auch den anderer. So jedenfalls die Vermutung. Mit den Pejorativen “Quacksalber” und “Scharlartan” oder gar “Rattenfänger” versucht man nicht nur die Ausgegrenzten in ihrem Gefängnis zu halten, sondern sogar die Gefängnismauern derart zu verdunkeln, zu verrammeln, lichtundurchlässig zu machen, Schallschutzmauern zu errichten, dass nicht der kleinste Anflug des Schadhaften in die vorgeblich “wahre” Welt hinausdringen kann, um diese zu verzerren und Schaden anzurichten.

Hat denn nicht schon der Urvater der Philosophie und Hohepriester der Vernunft – Platon - daselbst  in seinem wundervollen Höhlengleichnis, das doch jedem Gymnasiasten in den Tornister der Erkenntnis hineingezwängt wird,  festgestellt, dass der Mensch, wenn er nicht ausschließlich auf seinen Verstand hört und sich ausschließlich an die Mittel Vernunft hält, in eine Schattenwelt hinabgerissen wird?

Es sind die Gefühle, die Emotionen und Leidenschaften, die ihn fesseln und wie Irrlichter verführen, so dass er die wahre Welt nicht mehr erkennen kann. Denn die wahre Welt, die Welt, wie sie wirklich ist, kann allein durch den Verstand ermittelt werden. Für alles gibt es eine richtige und völlig unzweifelhafte Antwort. Die Welt ist im Grunde eindeutig. Alles Vieldeutige, Widersprüchliche entsteht primär aus der Unfähigkeit, die Welt der letzten Dinge zu erkennen. Davon hält den Menschen vor allem seine eigene Schwäche ab, seine Subjektivität, seine Emotionalität.

Gemäß dieser Weltsicht von Platon hat der Positivismus einen Siegszug ohnegleichen angetreten. Der Mensch versucht alles in mathematische Gesetze zu fassen. Man glaubt alles durch die Mittel des Verstandes und seine Helferlein, die Naturwissenschaften, evaluieren zu können.

So wird bald der Rationalismus zum Glaubenssystem. In den Verkleidungen von Nihilismus und Atheismus tanzt er auf dem Maskenball der Verstandesgurukratie. Heiden sind nicht zugelassen an diesem Ort, der hell erleuchtet ist und wo man peinlichst darauf achtet, dass die Helligkeit in jeden noch so kleinen Winkel strömt. Denn nichts fürchtet man mehr als die Dunkelheit.

Die Wildnis als Windmühlenfeind (2)

Juli 16th, 2011

Ist Wissenschaft wissenschaftlich?
Ist die Rationalität rational?
Ist die Vernunft vernünftig?

Im Jahre 1962 erscheint ein Buch, das in der wissenschaftlichen Gemeinde für großes Aufsehen sorgt und  in der Folgezeit eine Millionen mal aufgelegt wird. Autor ist Thomas S. Kuhn, einer der bedeutendsten Wissenschaftstheoretiker. Er stellt in “The Structure of Scientific Revolutions” fest, dass Wissenschaft entgegen der landläufigen Meinung nicht durchgehend rationalen Prinzipien folgt.  Wissenschaftsentwicklung überhaupt vollzieht sich über weite Strecken irrational.

Innerhalb einer wissenschaftlichen Richtung existieren immer viele unterschiedliche Theorien, die eine ebenso unterschiedliche Anhängerschaft haben. Welche Theorie sich dann letztlich durchsetzt, ist nach Kuhn nicht nur von rationalen Argumenten abhängig. Hier spielen außerwissenschaftliche, subjektive Gründe die entscheidende Rolle, so Kuhn. Letztlich setzt sich die wissenschaftliche Richtung durch, welche über die durchsetzungsstärkere Anhängerschaft bzw. über die Gruppe mit dem stärkeren “Glauben” an die gemeinsame Sache verfügt. Wissenschaftsentwicklung hat also demnach etwas von einer religiösen Konversion.

Zwei Schlussfolgerungen ergeben sich aus den Überlegungen Kuhns.  Erstens spielt das Irrationale eine bedeutende Rolle im Wissenschaftsgeschehen. Und zweitens ist dann Wissenschaftsgeschichte nicht automatisch eine fortschreitende Höherentwicklung, nicht eine immer weiter gehende Verbesserung auf dem Weg zum absoluten Wissen. Wissenschaft folgt nicht, wie man vielleicht anzunehmen geneigt ist, einem kontinuierlichen Verbesserungsprozess. Der KVP ist kein in den Wissenschaftsbetrieb implementierbares Modul, das ihn per Definition zu dem macht, was er idealerweise sein soll. Das Wissen der Menschheit nimmt nicht kontinuierlich zu im Sinne einer Aufwärtskurve, die mehr oder weniger schnell in Richtung einer absoluten Erkenntnis verläuft. Zwar ist hier und da von der Suche nach einer Weltformel die Rede. Naive Gemüter trauen Steven Hawking einen diesbezüglichen Erfolg zu. Dass man eine Weltformel findet, ist ungefähr so wahrscheinlich, als finde man den sagenumwobenen Stein der Weisen. Nein – weder Geschichte noch Wissenschaftsgeschichte nehmen einen linearen Weg zum Guten, zum Besseren, zur Wahrheit.  Nicht immer, nicht unbedingt und notwendig setzt sich das Bessere, das Gute, das Richtige durch – schon allein deshalb, weil es derartiges streng genommen nicht gibt.

So wenig wie es einen Historismus (Popper) gibt, ebenso wenig gibt es einen Szientismus. Wissenschaft ist nicht nur und ausschließlich rational. Sie kann ihre irrationale Seite nie ganz ablegen. Ein großer Fehler ist es zudem, diese zu verleugnen oder gar zu bekämpfen. Denn dann wird sie zum Windmühlenfeind. Und man gerät in einen aussichtslosen Kampf, der einen aufzehrt und dessen Ausgang gewiss ist.

Die Wildnis als Windmühlenfeind (1)

Juli 14th, 2011

Man erholt sich in seiner wilden Natur am besten
von seiner Unnatur, von seiner Geistigkeit…

(Friedrich Nietzsche)

Die Wildnis

Als Wildnis bezeichnet Hans Peter Duerr in seinem Buch “Traumzeit” den Irrationalismus. Irrational ist alles Nicht-Rationalisierbare –  alles, was sich dem klaren Denken, dem Verstand und insbesondere der Wissenschaft entzieht – alles, was uneindeutig, nicht beweisbar, nicht verifizierbar ist. Das Nicht-Valide ärgert und ängstigt die Rationalisten zugleich.

Die Wildnis im Kopf und im Herzen gehörte früher zum Leben der Menschen. In vielen Kulturen, zunehmend jedoch in immer weniger, ist dies nicht mehr der Fall.

Ein Weg in die Wildnis

In diese Wildnis kommt man nicht zu Fuß, man pflegt zu fliegen, weltweit, zeitlos. So wie Odin im Mythos als Donnervogel in andere Welten fuhr, wird es im Prinzip noch heutzutage gemacht. Afrikanische Shona-Frauen sausen durch die Substanz einer weißen Salbe nachts auf Hyänen durch den Busch. Durchaus diesseitige Südseemädchen, die ihren Leib mit “leaves and magic” glitzrig einölen, flattern als Paradiesvögel in die Ferne, um das “Huyowana”, Glück, zu holen. Indianische Schamanen legen, vermöge von Stechapfelgift, in Sekundenschnelle tausend Meilen zurück.

Gewiß, es fliegt nicht der Körper, es springt nicht die Person aus ihrem Leib heraus, es handelt sich um Drogenerfahrungen. Aber durch keine Machtpflanze, durch kein Zauberkraut kann Fremdes halluziniert werden, das wäre ja fauler Zauber. Im Empfindungsvermögen muß es also eine Vorstellung vom Fliegen geben: Es “verfliegt”, so sagt Duerr, gleichsam das “Ich”, das in Grenzen zu halten unsere Kultur uns ganz besonders stark angewöhnt hat.

Im europäischen Kulturkreis rauschten bis zur Renaissance einige “Nachtfahrende” mit Flugsalben wie die Schneegänse auf den “Dantz”. Sie waren die letzten, die im Kult einer entfesselten Sinnlichkeit der Diana und Artemis, der dahinstürmenden “Löwin der Weiber” nachfolgten.

Im Traum wagt heutzutage mancher zivilisierte Zeitgenosse noch zu fliegen, doch von bodenlosen Stürzen wird viel berichtet. Angst vor dem Fliegen? Befindet sich dieser Zeitgenosse in der Wirklichkeit auf dem Flug, so sitzt er im Jet nicht viel anders als daheim im Polstersessel, sein Gefühl klammert sich gewöhnlich an den begrenzten Raum der Maschine: nichts fliegt. Vom Standort eines Erdenbetrachters ist die Maschine und jedermann in ihr Sekunde um Sekunde an einem anderen Ort: alles fliegt.

(Spiegel 27/1976)

Der Mensch kann fliegen, und er kann es nicht. Kann er es nun, oder kann er es nicht? Was ist Traum? Was ist Wirklichkeit? Wann ist der Traum ein Traum? Erweitern Drogen das Bewusstsein oder vernebeln sie es? Sind alle Träume Schäume?

Angst vorm Fliegen

Flugangst ist weit verbreitet. Sie hat nur scheinbar archaische Wurzeln. Allein die Angst ist archaisch. Die Angst vorm Fliegen im modernen Sinne ist eher jüngeren Datums.

Geflogen sind die Menschen schon immer. Sie tun es heute noch. Der Flug im Geiste ist der Flug des Schamanen, des afrikanischen Medizinmannes oder der europäischen Hexe, des asiatischen Mönches oder des südamerikanischen Indianers unter dem Einfluss von Drogen, Meditation oder Riten. Aber ist es wirklich nur ein Flug im Geiste? Für den wirklich Fliegenden nicht. Für ihn ist es ein Flug wie für andere ein Flug im Flugzeug. Und wenn jene dann wieder den Boden betreten und der Flug beendet ist, dann war es ein Flug von dieser in diese Welt, und zwar gänzlich einer, der in diese und zu dieser Welt gehört. Eben kein Drogenflug, kein Halluzinosum, kein Schimärenritt, kein Besenflug, sondern ein Aus-sich-selbst-heraustreten, ein Betrachten von einem anderen Blickpunkt, ein Transzendieren, ein geistiges Metamorphieren, ein Außersichsein.

Wie die Angst des Flugzeugreisenden letztlich in einer Angst vor dem Absturz begründet ist, so liegt die Angst vor dem Flug in die Wildnis jedoch nicht bei den Fliegenden selbst, sondern bezeichnenderweise bei den Nicht-Fliegenden, bei den Zuschauern. Denn ihnen ist das Geschehen gänzlich unheimlich. Es ist nicht kompatibel mit ihrer eigenen Welt.

Denn das gänzlich Fremde, das Unintegrierbare und völlig andere, das Unbegreifbare generiert Ängste. Es ist furchterregend, wenn es da ist. Es verwirrt und erschreckt. Es macht schaudern. Und schließlich hat der moderne Mensch gelernt, alles, was ihn ängstigt, aus seiner Lebenswelt zu verbannen.

Teufelsritt (1)

Juni 25th, 2011

Die sieben Todsünden (Hauptsünden) in der Handschrift (erster Teil) – Superbia

 

„Das ist der Vorteil der Marktwirtschaft. Die funktioniert mit Sünde.“

Hans-Werner Sinn (deutscher Ökonom und Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung)

Ungefähr seit dem vierten Jahrhundert hat sich Theologie um eine Zusammenfassung der wichtigsten Sünden aus christlicher Sicht bemüht. Papst Gregor I. (590-604) hat dann 7 Hauptsünden beschrieben, die bis heute innerhalb der Kirche und des Katholizismus wichtig geblieben sind.

Die Sünde bildet einen zentralen Begriff im Christentum. Man bezeichnet damit eine durch den Menschen verschuldete Abkehr von Gott und seinen Geboten. Der Mensch macht sich schuldig, indem er sich von Gott und damit vom rechten Glauben entfernt. Grundsätzlich unterscheidet die römisch-katholische Theologie zwei Kategorien von Sünden:

  1. Todsünde
  2. lässliche Sünde

Wenngleich die Sünde zu Verdammnis nach dem Tode führt und zu in unterschiedlicher Vorstellung wirkender Strafe in der Hölle, kann der Mensch doch letztlich immer von seinen Sünden „erlöst“ werden. Er muss nur wirklich, zutieftst und völlig bereuen. Das Reueprinzip ist eng mit dem Vergebungsprinzip verbunden. Die lässlichen Sünden stellen die nicht ganz so schweren Vergehen wider die Morallehre der Kirche, wider die Bibel bzw. wider deren Auslegung, dar. Die Todsünden werden als die schwersten Sünden verstanden. Aber auch von ihnen und den durch sie drohenden Konsequenzen kann der Sünder sich befreien – durch tiefe Reue und durch bedingungslose Rückkehr zu Gott.

Über viele Jahrhunderte, seit über anderthalb Jahrtausenden bestimmt die Vorstellung der Sünde das Leben der Menschen im Einflussbereich des Christentums. Im allgemeinen Sprachgebrauch ist der Sünder ein Mensch, der verurteilenswert ist aufgrund bestimmter Handlungen. Er hat sich versündigt und etwas moralisch Verwerfliches getan. Der Begriff der Sünde ist bis heute eindeutig negativ besetzt. Damit ein Gemeinwesen funktioniert, damit eine Gesellschaft langfristig überleben kann, muss es einen Kanon geben, der festlegt, welche Handlungen dem Miteinander zuträglich und welche dem eher abträglich sind. Es müssen anerkannte Werte existieren, die konstruktiv, ethisch und im weitesten Sinne „menschlich“ sind. Jede andere Religion, nahezu jede historische hat einen vergleichbaren Wertekanon mit einer Definition dessen, was man als „Sünde“ bezeichnen kann.

Sünden entstehen nach der klassischen römisch-katholischen Theologie aus sieben schlechten Charaktereigenschaften:

  1. Superbia: Hochmut (Übermut, Eitelkeit, Ruhmsucht)
  2. Avaritia: Geiz (Habgier, Habsucht)
  3. Luxuria: Genusssucht, Ausschweifung (Wollust)
  4. Ira: Zorn (Wut, Vergeltung, Rachsucht)
  5. Gula: Völlerei (Gefräßigkeit, Unmäßigkeit, Maßlosigkeit, Selbstsucht)
  6. Invidia: Neid (Missgunst, Eifersucht)
  7. Acedia: Trägheit des Herzens/des Geistes (Faulheit, Feigheit, Ignoranz)

 

Superbia

„Hochmut kommt vor dem Fall.“

(Sprichwort)

Hochmut ist nicht ohne Grund die erste der Todsünden. Sie ist auch die schwerste. Es ist die Anmaßung. Die Selbstüberheblichkeit. Dahinter verbirgt sich die mangelnde Bescheidenheit. Die Abwesenheit der Demut. Vor allem will man sich nicht hinten anstellen. Man ist bestrebt immer vorn zu sein, vor den anderen. Dieses sich selbst Erheben, das hoch hinaus Wollen beinhaltet das Geringschätzen der Mitmenschen. Man hat nur Augen für sich und seinen Erfolg. Man will Anerkennung, will Ruhm und Macht. Dass dabei andere auf der Strecke bleiben, zurückgedrängt werden, spielt keinerlei Rolle. Denn es geht nur um den persönlichen Erfolg. In der extremen Ausprägung führt der Hochmut schließlich zur Hybris. Man überschätzt sich und seine Fähigkeiten derart, dass man sich gottgleich wähnt und vermeint, alles zu bewirken zu können und keinerlei Grenzen ausgesetzt zu sein.

Der Turmbau zu Babel ist ein Bauwerk des Hochmuts. Der Turm ist die Symbolik des Hochmuts schlechthin. Es ist der Mut zur Höhe und als solcher gefährlich und zweifelhaft.

“Die Wolkenkratzer in den Großstädten sind unsere heutigen ‚stolzen’ Türme. Auffällig ist auch, dass immer mehr Firmen einen ‚Prestigeturm’ auf ihren Firmengeländen errichten … Nichts hat Jesus schärfer angeprangert als die fromme Selbstgerechtigkeit, die sich über andere erhebt. Mit der unmenschlichen Zerstörung der Zwillingstürme in New York wollten die islamistischen Terroristen am 11. September 2001 in erster Linie den Stolz des Westens treffen. In den Medien war anschließend zu lesen: ‚Die gesamte zivilisierte Welt wurde bis ins Herz getroffen. Die Symbole für Macht, Reichtum und Wohlstand fielen in wenigen Minuten in Schutt und Asche.’ “

(Heiko Ernst – „Wie uns der Teufel reitet“, Seite 39)

In der Handschrift findet sich auch der Turm als Symbol der Arroganz und der Überheblichkeit, als Ausdruck des Wunsches nach Größe, danach die anderen zu überragen.

In der Anfangsbetonung wird dies besonders deutlich. Turmähnlich schießt die Schriftform in die Höhe und erhebt sich über den Wortrest. Und der Rest, das sind dann die Mitmenschen, die anderen. Man fühlt sich mehr oder will mehr sein als alles um einen herum. Nicht selten verbirgt sich dahinter jedoch und ganz besonders dann, wenn die anderen Buchstaben stark verkleinert sind, wenn die sich an der allgemeinen Mittelzone bemessende Schriftgröße unverhältnismäßig klein geraten scheint, ein Minderwertigkeitsgefühl.

Die turmhaften Anfangsbetonungen, die hinaufschießenden Schriftformen können auch Ausdruck eines „gesunden Ehrgeizes“ sein. Aber die Übergänge sind fließend. Was ist ein „gesunder Ehrgeiz“? Wo beginnt er, wo hört er auf? Wo ist die Grenze zum Hochmut, zur Arroganz?

Die moderne Gesellschaft hat sich schon lange vom ethischen Kanon der biblischen Sünden abgewandt. Selbstbewusstsein, Durchsetzungskraft sind die Erfolgsformeln der Gegenwart. Und der Erfolg selbst ist das höchste Ziel in einer Lebensform, in der der Wettbewerb als  Treibstoff des Seins angesehen wird. Es zählt nur der erste Platz, nur dem Gewinner gebührt die Aufmerksamkeit. In den Massenmedien, in Film und Fernsehen geht es vor allem um jene Gewinner, um diejenigen, die Ruhm erlangt haben und mehr Wert scheinen als die große Masse. Es geht um diejenigen, die an der Spitze der Aufmerksamkeitspyramide stehen, und zwar nur deshalb, weil all die anderen unten ihre Last tragen. Dass es sich dabei zumeist um Parasiten handelt, die nicht allein durch eigene Kraft, durch Anstrengung und Fleiß an die begehrtesten Plätze der Zeit gelangt sind, wird geflissentlich verschwiegen. Denn sie alle sind Begünstigte des Augenblicks und der Strukturen, in die sie geworfen sind.

Der Radprofi träumt vom Sieg bei der Tour de France und tut alles für den ersehnten Ruhm. Er ist sogar bereit, seinen Körper wissentlich durch chemische Substanzen zu schädigen und alle um sich herum zu belügen – nur um des ersehnten Erfolges willen. Die Selbsterhöhung ist ihm das erhabenste Ziel.

Auch die Schriftzüge des Leonardo da Vinci sind nicht frei von Hochmut.

„In der modernen Mediengesellschaft hat sich ein Wandel von der Elite zur Prominenz vollzogen. … Das Bedürfnis, sich abzuheben, andere zu übertreffen, und das Ansehen, das dadurch erworben wird, zu genießen, ist eine der dynamischsten Kräfte in der postmodernen Gesellschaft. Unsere demokratisch-kommerzielle Kultur stimuliert diese tief in der Psyche verankerten Bedürfnisse nach Anerkennung, nach Status und Stolz. Denn sie sind ein wichtiger Faktor im Wirtschaftsgeschehen, und deshalb wird unablässig an diese Motive appelliert: „Das hast du dir verdient!“

(Heiko Ernst – „Wie uns der Teufel reitet“)

Ein weiteres Schriftmerkmal von Eitelkeit und Arroganz kann die Überstreichung sein oder verlängerte T-Striche. Man will über andere herrschen, die Mitmenschen oder die Dinge beherrschen. Hier spricht die Arroganz der Macht.

Auch die Handschrift Darwins, der eigentlich ein tiefgläubiger Mensch war, ist von den Zeichen der Hybris nicht frei. Es ist wohl auch ein Ausdruck des unbedingten Willens, alles wissen zu wollen und die Dinge, ohne sich dabei Grenzen aufzuerlegen, gänzlich zu erforschen und gedanklich zu durchdringen. Ob Darwin sich allerdings wohl fühlen würde, wenn er wüsste, dass viele ihn heutzutage auf ein höheres Schild heben als Gott?

Dass unter Schauspielern und anderen sogenannten V.I.Ps. eine Anfangsbetonung schon beinahe zum Standard gehört, verwundert nicht. Hier hat sich der Glaube an die eigene Überlegenheit schon soweit verfestigt, dass dies zum festen Bestandteil der Persönlichkeit geworden ist. Dies ist es gerade, was den Erfolg auszumachen scheint, der unbedingte Glaube an sich selbst, wenn man der zahlreichen Ratgeberliteratur denn folgen mag.

„And the winner is …“

Das System belohnt die Sieger, die Ersten. Darum geht es im Leben. Darauf baut unser soziokulturelles System auf. Auf die Sieger sind die Scheinwerfer gerichtet.

„Und man siehet die im Lichte, die im Schatten sieht man nicht.“

In einer nach Aufmerksamkeit heischenden Kultur drängen die Menschen ins Rampenlicht, träumen von medialer Aufmerksamkeit. Die auf der untersten Stufe gesellschaftlicher Hierarchie Befindlichen sind sich für eine öffentliche Entblödung in diversen TV-Formaten nicht zu schade. Semiprominente und solche, die es werden wollen, stellen sich bis zur untersten Schamgrenze zur Schau. Gesellschaftliche Eliten glänzen durch Dauerpräsenz. Ein riesiger Jahrmarkt der Eitelkeit.

Der amerikanische Soziologe David Riesman beschrieb vor Jahrzehnten bereits in seinem Buch „der The Lonely Crowd“ den außengeleiteten Menschen als jenen Typus der Neuzeit, der massenmedial gesteuert vor allem nach sozialer Anerkennung strebt.

Der mehr und mehr um sich greifende Ich-Kult wurde bereits 1979 von Chrisopher Lasch als „Zeitalter des Narzissmus“ verstanden.

Die Lust an narzisstischer Selbstbespiegelung wächst. Nicht mehr die Taten, nicht mehr die wahren Kompetenzen zählen, sondern es geht vielmehr darum, wie sich jemand verkauft, wie er nach außen hin scheint – sein Image.

In der Handschrift ist die linksschräge Lage ein Zeichen des Selbstbezuges. Verbindet sich beides mit einer deutlichen Anfangsbetonung, kann dies als deutlicher Hinweis auf die Superbia verstanden werden. Wie Türme treten die Majuskel hervor. Die Minuskel geraten völlig in den Hintergrund.

Die Betonung des ersten Hügels des M ist ein weiterer Ich-Bezug, ein weiterer Hinweis auf Narzissmus und Selbstbeschäftigung.

Bescheidenheit ist schon lange keine Zier mehr. Im Gegenteil. Der Zeitgeist fordert Anmaßung und Selbstdarstellung. Schon in der Schule gilt nunmehr, dass Zurückhaltung und Selbstbeschränkung die jungen Menschen ins Abseits drängen. Die mündlichen Noten sind wichtiger geworden als die schriftlichen. Böse Zungen sehen einen sozialdarwinistischen Großversuch zur Beförderung des Schwätzertums. Gewissenhaft zu lernen, gute Arbeiten zu schreiben und sich ansonsten vornehm zurückzuhalten – das ist mittlerweile ein sicherer Weg, um zu scheitern. Immer bedeutsamer ist heutzutage die Eigenpräsentation der Schüler. Die bunte Powerpoint-Präsentation unterstrichen durch einen selbstsicheren, Eindruck schindenden Vortrag. Der meist willkürlich aus dem Netz zusammengeklaubte Inhalt ist oftmals unwichtiger als der nach außen vermittelte Eindruck, als die Präsentation der eigenen Persönlichkeit. Und in diesem Sinne geht es dann weiter. Später, nach der Schule, auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz heißt es dann wieder – sich möglichst gut präsentieren, um die anderen zu überragen. Beim Vorstellungsgespräch, beim Assessmentcenter muss man erneut aus der Masse hervorstechen, wenn die besten ausgesiebt werden. Und so setzt sich dann alles im Berufsleben fort. Der Bescheidende ist immer der Verlierer. Wer sich selbst zurücknimmt, wer immer das Wohl der anderen im Blick hat, wer anderen den Vortritt lässt und verzichtet, wird es nicht weit bringen in einem gesellschaftlichen Gemenge, wo es vor allem um den Erfolg des einen über den anderen geht, wo jeder primär mit sich selbst und seiner Karriere befasst scheint.

Und haben sich nicht die Vorzeichen gegenüber jener christlichen Ethik mit einer Verurteilung der Superbia mittlerweile völlig verkehrt? Wird nicht jeder bewundert bzw. beneidet, der Karriere macht? Wünscht sich nicht jeder Familienvater, dass seine Kinder später einmal Karriere machen werden? Dass sie berühmt werden und also zu Ruhm gelangen, davon mag er gar träumen.

Kein Zweifel, was einst als eine der schwersten Sünden überhaupt galt – die Ruhmsucht, die Eitelkeit, das selbstgefällige Posieren vor dem Spiegel – ist geradezu zur Tugend geworden. Niemand stört sich daran, wenn er Sätze wie den folgenden in der Zeitung liest:

„Ich bin gierig nach Erfolg“ (Bruno Labbadia, Fußballtrainer)

Die Schriftzüge haben die Mittelzone scheinbar eingedampft. Die Längenunterschiedlichkeit ist extrem, ebenso extrem wie die Anfangsbetonung. Wer hoch hinaus will, kann auch tief fallen. Entsprechend sind die hoch nach oben schießenden Längen nicht nur Ausdruck eines starken Selbstbewusstseins, eines enormen Ehrgeizes, sondern auch der Hybris der Selbstüberschätzung, der Anmaßung und letztlich auch der Angst vor dem großen Sturz.

Superbia ist im Alten Testament der Übermut als Überschreitung des richtigen Maßes unter Missachtung Gottes und der anderen Menschen.

Hochmut birgt im Innern immer die Angst vor der Bedeutungslosigkeit. Das Streben nach Höherum baut oft auf dem Gefühl der Minderwertigkeit, das dem Subjekt als unerträglich erscheint. Die empfundene Kleinheit nährt den Wunsch nach Größe, der sich bis zur Unstillbarkeit auswachsen kann.

Anders als viele andere Kulturen hat das Christentum einen detaillierten Wertekanon geschaffen. Der Superbia steht als positives Richtmaß die Humilitas entgegen, das ist die Demut.

Der auf eine Übersetzung von Martin Luther zurückgehende Begriff bezeichnet die Tugend “Demut” als Fähigkeit, die eigenen Grenzen zu erkennen und zu akzeptieren.

Entgegen manchen Formen des religiösen Lebens, in denen eher Demütigung als Demut im Vordergrund stand, wird in der heutigen christlichen Demut nicht als ein sich klein Machen oder als Leugnen des eigenen Wertes gesehen, sondern als realistische Selbsteinschätzung des Menschen in seiner Position in der Welt: seiner eigenen Geringfügigkeit im Vergleich mit der Größe Gottes, aber zugleich seine Würde und seinen Wert als Geschöpf und Kind Gottes.

(Wikipedia)

Der Demütige verspürt nicht das Verlangen, sich in den Vordergrund zu drängen. Gern lässt er anderen den Vortritt, nicht weil er unsicher ist oder es ihm an Selbstbewusstsein mangelt – im Gegenteil: Weil er selbstbewusst ist, weil er mit wenigem zufrieden ist, genügsam und sich selbst genug, braucht er den Erfolg nicht. Zudem ist es ihm eher unangenehm, sich über andere zu stellen, zu wissen, dass er in den Augen vieler mehr Wert zu sein scheint als andere, wichtiger als seine Mitmenschen.

 

Veloziferisch

Juni 22nd, 2011

Die destruktive Kraft des Veloziferischen

„Für das größte Unheil unsrer Zeit, die nichts reif werden läßt, muß ich halten, daß man im nächsten Augenblick den vorhergehenden verspeist, den Tag im Tage vertut, und so immer aus der Hand in den Mund lebt, ohne irgend etwas vor sich zu bringen.“

Mit diesen Zeilen beschrieb Goethe 1825 die Gespenster der Zukunft, die er auf die Welt zukommen sah. Das „Veloziferische“ (Velocitas =Eile, Lucifer = Teufel) sah er demnach als das „größte Unheil unserer Zeit” an, als Zeitgeist, der „nichts reif werden läßt”. Gemeint war die faustische Ungeduld, jene Tendenz zur Eile und zur dauerhaften Kurzatmigkeit, die gerade für unsere Zeit mehr noch als für jene Goethes kennzeichnend ist.

Kafka, der Weimar und das Goethehaus besucht, notiert dann in seinem Tagebuch den Satz:

“Es ist Ungeduld, die den Menschen aus dem Paradies vertrieb und ihn daraus immer weiter entfernt”.

Nietzsche äußert, was wie eine Kritik der Gegenwart anmutet:

„Aus Mangel an Ruhe läuft unsere Zivilisation in eine neue Barbarei aus. Zu keiner Zeit haben die Tätigen, das heißt, die Ruhelosen, mehr gegolten.“

Goethes Faust, der nie Zufriedene, repräsentiert den Wissenschaftler, der nach allem, nach der Weltformel, nach Grenzenlosigkeit und letztlich nach Gottähnlichkeit strebt. Seine Unzufriedenheit, seine mangelnde Demut, sein Hunger nach Erkenntnis lassen ihn schließlich einen Pakt mit dem Teufel schließen. Der stürzt Faust hinein in einen Strudel der Ereignisse.

„Stürzen wir uns in den Rausch der Zeit,
Ins Rollen der Begebenheit!
Da mag denn Schmerz und Genuß,
Gelingen und Verdruß
Miteinander wechseln, wie es kann;
Nur rastlos betätigt sich der Mann.“

Das Veloziferische, die Lebens- und Zeitbeschleunigung ist auch ein wesentliches Element der Moderne. Die Getriebenheit der Gegenwart, die immer kürzer geratenden Schnitte im Lebensfilm der Menschen, die immer mehr Leben im Leben entstehen lassen, kumulieren zu einer raumzeitlichen Grenzenlosigkeit. Der Euphemismus „globales Dorf“ ist Ausdruck einer menschlichen Hybris, die in dem Bestreben zum Ausdruck kommt, das Unmögliche möglich zu machen, wobei letztlich das Mögliche unmöglich wird.

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Die Rast- und Ruhelosigkeit der hyperaktiven Gegenwart will alles, und zwar sofort. Die Naturwissenschaften mit ihren Helfern Technik, Mechanik und kalter Logik haben die Welt beschleunigt und den Sinnen Unrast beschert.

„Wer will was Lebendigs erkennen und beschreiben,
Suche erst den Geist herauszutreiben,
Denn hat er die Teile ins einer Hand,
Fehlt leider! Nur das geistige Band.“

Das Leben auf der Überholspur hat den Sinn für das Wesentliche, für die Wesenheiten verunmöglicht. Die Hast, die Unfähigkeit zum Verweilen, verstellt den Blick für das Wesen der Dinge. Ohne die Ruhe, ohne die Anschauung, ohne das schauende Erfassen des Wesenhaften bleibt alles nichts. Das erkennt am Ende auch Faust, den Mephistos mit seiner Magie der „Übereilungen” vom Anschauen der Natur entfernt hat:

“Könnt ich Magie von meinem Pfad entfernen,
stünd ich Natur vor dir allein,
dann wär es wert ein Mensch zu sein”.

Die reine Anschauung, das schauende Erfassen von Elementarem, das ist im Besonderen die Graphologie. Ohne die Langsamkeit der Intuition, ohne den hermeneutischen Zirkel wäre sie nicht sie selbst. Die Schriftdeutung setzt kaum mehr als den deutenden Menschen und ein beschriebenes Blatt Papier voraus. Sie ist eigentlich das paradigmatische Gegenteil des Zeitgeistes. Sie reduziert und setzt dem Vielen das Wenige entgegen. Schriftdeutung ist Reduktion und Entschleunigung zugleich, Ideation und Wesenserschauung. Und gerade dieser scheinbar unzeitgemäße Weg ermöglicht auch eine Erkenntnis der Vielfältigkeit und erweist sich somit als zutiefst zeitgemäß.

Dieses Besondere der Graphologie liegt in ihrer Langsamkeit, in dem Grenzgängertum und vor allem in der Rückbesinnung auf Elementares.

Das Langsame an der Graphologie ist das Bei-sich-bleiben-Können, ist die in der Schrift und mit der Schrift verschmelzende schauende Versunkenheit. Hier ist nur die Schrift und die Deutung, der Interpret und die Schreibspur, die Besinnung und die Erkenntnis – keine Statistik, keine Datenkolonnen, Verifikationen, Innovationen oder multimediale Brimborien; kein sensorisches Gewitter, keine Aufmerksamkeitshappen verstreuende Apparatur, sondern einfach nur das Blatt Papier und die Schrift. Allein mit jener geronnenen Spur des Unbewußten, mit jenen symbolbehafteten Schriftzügen, die als Abbild der Individualität gelten können und in ihrer Unverwechselbarkeit nicht zufällig zur Signatur geworden sind, bleibt der Betrachter mit sich und dem Elementaren allein. Er braucht aber auch weiter nichts.

Alles Weitere ist im grunde zuviel. Natura simplex est. Weniger ist mehr. Reduktion statt Multiplikation. Konzentration auf das Wesentliche.

Sich auf das Wesentliche zu beschränken, fällt schwer in Zeiten der Globalisierung, wo es um Grenzenlosigkeit, Beliebigkeit und fortwährende Ausdehnung geht. Und doch interessieren sich immer wieder Menschen (mitunter scheint es, als seien es zunehmend mehr) für interpretative Methoden wie die Graphologie.

 

 

DSK

Juni 21st, 2011

Dominique Strauss-Kahn – ein populärer Fall – im doppelten Sinne.

Dominique Strauss-Kahn oder kurz DSK ist ein Mann, der in den letzten  25 Jahren zahlreiche Posten der Macht für sich erreichen konnte, Abgeordneter, Bürgermeister, Minister, Chef des IWF und zuletzt sogar hoch gehandelter Präsidentschaftskandidat als Gegner für Nicolas Sarkozy. Und gleichzeitig ist er jemand, der so tief stürzte, wie man es sich tiefer kaum vorstellen kann (jedenfalls vorserst).

Wenn man eine Schrift deutet, wenn man sie wirklich unvoreingenommen interpretieren will, ist es besser, möglichst wenig über den Schreiber zu wissen, insbesondere, was seine Persönlichkeit anbelangt. Denn bei der Graphologie geht es um Intuition, um Einfühlung, um schauende Versunkenheit. Und dabei stört alle Voreingenommenheit, alle Information, die geeignet wäre, die Deutung in eine bestimmte Richtung zu lenken.

Bergson hat einmal in diesem Zusammenhang den Rückbezug auf das Unmittelbare eingefordert:

Es gilt die Erfahrung an ihrer Quelle aufzusuchen, oder vielmehr oberhalb jener entscheidenden Wendung, wo sie in der Richtung des praktischen Nutzens von ihrem ursprünglichen Wege abweicht und im eigentlichen Sinne zur  menschlichen  Erfahrung wird.

Versuchen wir also zu Quelle vorzudringen, versuchen wir also, wie Bergson es fordert,

… das Original selbst so nahe wie möglich heranzuziehen, sein Leben zu ergründen und durch eine Art intellektueller Auskultation seine Seele pochen zu fühlen.

Das Original ist im Falle von DSK nun die Unterschrift, also ein reduziertes Schriftstück, ein Partikel, ein Teilstück, ein Ausschnitt, etwas Bruchstückhaftes und zugleich etwas Wesentliches. Und doch ist es möglich, aus dem Teil das Ganze entstehen zu lassen. Denn es gilt, den pulsierenden Strom der Wirklichkeit aus dem scheinbar Starren herauszulesen:

Die Schrift wirkt kontrolliert, ein wenig schematisch, auch stellenweise unlebendig, überhaupt gleichmäßig. Geordneter als viele andere Signaturen, kontrollierter, gleichförmiger. Gut lesbar, wenn man den Namen kennt, schwerer schon, wenn unbekannt, aber deutlicher noch als die meisten.

Von Klages wissen wir:

Der Takt ist die Wiederkehr des Gleichen, Der Rhythmus die des Ähnlichen.  ”Der Takt wiederholt. Der Rhythmus erneuert.”

In dieser Unterschrift ist mehr Takt als Rhythmus. Die Gleichheit überwiegt, das Regelmaß dominiert. Die Mittelzone ist fast wie an der Schnur gezogen, sowohl oben wie unten. Gleiches gilt für die Oberzone. Auch hier könnte man ein Lineal anlegen und würde eine gerade Linie erhalten. Die Schriftzüge offenbaren eine Persönlichkeit, die es strukturiert denkt und lebt, die klare Ziele vor Augen hat und diese systematisch verfolgt – nach und nach, nicht übereilt.

Die kleine, unterentwickelte Mittelzone deutet auf deutlich ausgeprägte Minderwertigkeitsgefühle hin. Aber man weiß ja, dass die Minderwertigkeitsgefühle letztlich den Antrieb für ein sich darauf aufbauendes Streben nach Macht, Geltung und Überlegenheit darstellen. So auch bei DSK. Davon zeugen ebenfalls die Oberlängen, welche im Verhältnis zu den Mittelllängen stark überhöht sind. Der Schreiber will von dem zu viel, was er dem subjektiven Empfinden nach zu wenig hat. So ensteht ein Gefälle im Ich, eine Disproportionalität, ein Spannungsgefüge, das Antrieb und Schicksal zugleich ist. Aber es dringt kaum etwas nach außen von jener Spannung, zu kontrolliert ist der Schreiber. Er hat es gelernt und trainiert, sich zurückzunehmen. Er ist vorsichtig (siehe die lotrechte Schriftlage). Überhaupt dominieren Verstand und Überlegung.

Dabei sind Intuition, Instinkt und das Gefühl für den Augenblick auf der Strecke geblieben. Das “Richtige” wird nicht getan, weil im Innern ein Gefühl vorherrscht, das Richtige zu tun, sondern, weil es logisch, folgerichtig ist, und analytisch betrachtet kein anderer Weg bleibt. Das mag klingen, als könnte DSK nicht das getan haben, was ihm vorgeworfen wird, aber die weitere Betrachtung der Schrift wird hier Zweifel streuen.

Da ist zunächst das Ende des Namenszuges. Eigentlich ist der letzte Buchstabe des Namens ein n (Kahn). Aber die Schreibspur geht einen anderen Weg. Sie fällt tief in die Unterzone hinab. Während sonst alles überdurchschnittlich strukturiert gestaltet ist, gibt es hier ganz am Ende plötzlich eine unverhoffte und völlig unverhältnismäßige Abweichung – tief hinab in die Unterzone, in jenen Bereich also, der von der Symbolik her für das Animalische im Menschen, für das Triebhafte, für das Unbewusste steht. Das besonders Ungewöhliche daran ist, dass dieser letzte Buchstabe eigentlich mit keinem Teil etwas in der Unterzone zu suchen hat, also nicht dorthin gehört. Diese Eigenformung hat zweifellos einen besonderen symbolischen Wert, zumal ansonsten derartig individuelle und eigenwillig Gestaltetes nicht vorkommt.

Es scheint ein wenig, also breche sich hier all das plötzlich Bahn, was  zuvor zurückgehalten wurde und über Gebühr eingezwängt sich sah. Aber da ist noch ein Hinweis auf jenen Bereich der Erdverbundenheit, des Vitalen, des Archaischen, und zwar wiederum ganz am Anfang.

Der erste Buchstabe ist ebenso wie jener letzte symbolisch umgestaltet. Das D, normalerweise ein geschlossener Buchstabe, ist weit geöffnet. Die hakenförmige Gestaltung sei hier nur am Rande erwähnt. Sie ist in ihrer Rückbezüglichkeit, in ihrer widerhakenförmigen Morphologie Ausdruck einer dem Machtwillen geschuldeten Egozentrik.  Die Offengestaltung jedoch ist wie ein großes Tor zur Unterzone, wie ein völliger Fortfall der Grenze.

Es gibt also zwei signifikante Betonungen der Unterzone. Am Anfang ist sie passiv – als Öffnung und als bereitwillige Erwartung der Impulse aus jener Sphäre, in die dann am Ende aktiv hinabgestoßen wird.

 

 

Die Geburt der Graphologie aus dem Geiste der Lebensphilosophie

Juni 20th, 2011

Wenn es um die Frage nach der Entstehung, nach dem Ursprung der Graphologie geht, werden immer wieder Namen wie Camillo Baldo oder Johann Caspar Lavater genannt. Aber keiner wird bezweifeln, dass die eigentliche Graphologie, in ihrer umfänglichen und systematischen Form betrieben, erst später in Frankreich und dann fast gleichzeitig in Deutschland zu sich selbst fand.

In Frankreich sind mit dem Beginn der Graphologie vor allem Personen wie Michon und dann nachfolgend Crépieux-Jamin in Verbindung zu bringen, in Deutschland L. Klages und sein Kreis sowie Max Pulver in der Schweiz. Die Graphologie, wie wir sie heute kennen, entstand und formte sich im ungefähren Zeitraum von 1870 – 1940.  Sie entstand auf dem Hintergrund einer Geisteshaltung, einer philosophischen Strömung, die vor allem in Deutschland, aber auch in Frankreich, gerade in jener Zeit vorherrschend war bzw. ihre Blütezeit hatte – die Lebensphilosophie.

Ohne jene philosophische Strömung, die das Geistesleben jener Zeit durchdrang, hätte sich die Graphologie möglicherweise nicht so entwickeln können, wäre die Graphologie nie die, die sie heute ist. Bezeichnend für die enge Bindung an die Lebensphilosophie sind folgende Aspekte:

  • Die Graphologie hat sich vor allem in den beiden Sprachräumen entwickelt, in denen auch die Lebensphilosophie ihre Blütezeit erlebte.
  • Es besteht eine starke zeitgeschichtliche Parallele. Im Grunde sind die Zeiträume der Hochzeiten von Graphologie und Lebensphilosophie identisch. Es ist der oben bereits erwähnte Zeitraum von 1870 – 1940.

Allein diese Gleichzeitigkeit weist auf eine starke ideelle Nähe hin. Nach dem 2. Weltkrieg dann verloren allmählich Graphologie und Lebensphilosophie an Einfluss – sieht man im Falle der Graphologie von einzelnen wichtigen Veröffentlichungen ab (Müller/Enskat, Pfanne, etc.), die aber allesamt lediglich das Bestehende aufgriffen und neu verpackten, bzw. systematisierten. Überhaupt hat sich seitdem wenig wirklich Neues getan. Die überwiegende Zahl der Nachkriegsautoren gibt in erster Linie das wieder, was vorher Michon, Klages, Pulver, Pophal und Heiß beschrieben haben. Daran hat sich bis heute wenig geändert.

Graphologie und Lebensphilosophie sind also offensichtlich parallele Geschehen. Inwieweit dies auch inhaltlich und methodisch der Fall ist, soll im Folgenden untersucht werden.

„Was Lebensphilosophie ist, läßt sich schwer umreißen, schon wegen ihrer Vielgestaltigkeit, hauptsächlich aber deswegen, weil, was Leben ist, immer unklarer wurde, je mehr die Lebensphilosophen darüber schrieben. Am besten versteht man den Begriff vielleicht von seinem Gegensatz her, von dem man sich insgesamt abzusetzen pflegte, vom mechanistischen, schematisierenden, an der Oberfläche haftenden, mathematisch-rationalistischen und statischen Denken, das in der Neuzeit entstand und nicht zuletzt durch Kants Wissenschaftslehre verfestigt worden war. Ihm gegenüber will man das Ir-rationale, das Einmalige, Innerliche, Seelische, Erlebnismäßige, Dynamische wieder in Anschlag bringen.“ (Johannes Hirschberger – Geschichte der Philosophie)

Man hatte am Ausgang des 19. Jahrhunderts genug von der Vernünftelei und ihren Auswirkungen. Viele Studenten waren der Logikseminare in der steifen Atmosphäre der Universitäten überdrüssig. Junge Intellektuelle zweifelten die Lehren der Professoren an. Ihnen erschien die vorherrschende Weltanschauung blutleer und starr. Man bezweifelte, dass der menschliche Verstand alles vermöge, dass die menschliche Vernunft der einzige Weg zur Erkenntnis sei und letztlich zur völligen Beherrschung der Natur und des Schicksals führe.

Bislang deutete alles daraufhin, dass die Rationalisten Recht hatten. Die Naturwissenschaften hatten die Welt verändert, Maschinen bestimmten mehr und mehr das Leben der Bürger. Die Industrialisierung schritt unaufhaltsam voran. Technische Neuerungen formten die Arbeitswelt. Und doch war da eine gewisse Kälte und Leere in der neuen so erfolgreichen Zeit. Es bleib scheinbar immer weniger Raum für Unmechanisches, Unberechenbares, Spontanes und Kreatives. Man versuchte alles in Regeln, Strukturen und Gesetze zu pressen.

Da nun jede starke Bewegung ohne Gegenbewegung nicht denkbar ist, kann es keinen verwundern, dass in jenen Zeiten sich vermehrt Widerstände regten, die gewissermaßen als Antithese zu vorherrschenden Denkweisen andere, antirationale und naturwissenschaftskritische Sichtweisen entwickelten.

Die Lebensphilosophie geht vom Begriff des Lebens aus. Besser gesagt: weniger vom Begriff, als denn vom Leben, vom Er-leben, vom Lebensgefühl.

Wilhelm Dilthey sieht den Ausweg in einer eigenständigen Geisteswissenschaft, die sich unabhängig von den vernunftgesteuerten Naturwissenschaften macht und so den Menschen zu neuen und zukunftsweisenden Ufern führt.

Ähnliches fordert Henri Bergson. Der weltweit wohl prominenteste Vertreter der Lebensphilosophie stellt fest, dass Naturwissenschaften wohl für den Raum, für Zahlen und geometrische Figuren zuständig sind, nicht aber für die Zeit, deren Wesen Bergson als ständig fließend, unumkehrbar und inhomogen betrachtet. Zeit ist nicht mit naturwissenschaftlichen Methoden in ihrem Wesen erfassbar. Das ist nur intuitiv möglich.

Überhaupt setzt die Mehrzahl der Lebensphilosophen dem Verstand die Intuition entgegen. Man glaubt hier ein wichtiges Element der Erkenntnis zu haben, das nicht vernachlässigt werden darf. Dem Leben und einer angemessenen Philosophie kann man demnach nur gerecht werden, wenn man jene Sphären berücksichtigt, die mit modernen Begriffen wie „Bauchgefühl“ oder „emotionale Intelligenz“ beschrieben werden können.

Für die Lebensphilosophie gilt jene auch von Goethe unterstützte Auffassung Kants, dass es einen „Newton des Grashalms“ nie geben wird, bzw. nicht geben kann, da das Leben in seinem Innersten mit naturwissenschaftlichen Methoden nicht beschreibbar ist. In diesem Zusammenhang kann ein Zitat aus Goethes Faust gut den Standpunkt der Lebensphilosophie verdeutlichen:

„Geheimnisvoll am lichten Tag
läßt sich Natur des Schleiers nicht berauben
und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag,
das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben.“

Und so besinnt sicht die Lebensphilosophie denn auf das Erleben. Viele Lebensphilosophen schwärmen nicht nur vom Leben, vom Gefühl, von den Emotionen. Sie wollen das Leben am eigenen Leibe spüren. Sie wollen intensive Momente des Lebens erfahren. Von Ludwig Klages ist dies aus seiner Schwabinger Zeit bekannt, wo er ein Initiator und maßgebliches Mitglied des sogenannten „kosmischen Kreises“ ist. Ein loser Verbund junger Studenten im Münchener Stadtteil Schwabing um die Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert, der, sich auch Blutleuchte nennend, das erkaltete Blut zum Leuchten bringen, es erwärmen, es erstrahlen lassen – es kurzum beleben will.

Es ist kein Zufall, dass viele Vertreter der Lebensphilosophie keine Professur innehaben und nicht an einer Universität dozieren (Klages, T. Lessing u. a.). Man will fort von den inhaltsleeren Gedankengebäuden, in denen die Kälte lebensfremder Konstrukte ihre vorhersehbaren Spielchen treiben. Man widersetzt sich dem Mainstream, den vorherrschenden Normen. Man will ausbrechen aus dem Vorgegebnen. Man will Eigenes, Andersartiges und Neugestaltiges erschaffen. Die Wendung gegen den dominierenden Rationalismus ist auch eine Wendung gegen die Aufklärung, gegen die Technik, gegen das etablierte Bürgertum und gegen die vorherrschende Moral.

“Und die philosophische Arbeit verläuft nicht als abseitige Beschäftigung eines Sonderlings. Sie gehört mitten hinein in die Arbeit der Bauern.” (Heidegger)

Man will die Philosophie aus den Studierstuben holen und den kalten Gedanken wieder Leben einhauchen. Das Unmittelbare ist der Lebensphilosophie näher als die Gedankenferne der universitären Seminare. Deshalb zieht sich ein Heidegger für das Schreiben in die Einsamkeit seiner Berghütte zurück und entwickelt seine Philosophie besonders dann, wenn draußen die Naturgewalten die kleine Behausung umtoben. Hier hält der Philosoph seine Seminare. Wer teilnehmen will, muss zunächst kilometerweit die Hänge hinauf, um dann Holz zu hacken, Wasser aus der Ferne zu holen und auf einem kargen Holzbett zu schlafen. Es gilt das Leben zu spüren.

Die Vertreter der Lebensphilosophie waren und sind Fortschrittsskeptiker, Zivilisations- und Technikkritiker. Sie misstrauten einem Fortschritt, der sich vor allem auf der Basis eines naturwissenschaftlich-rationalen Denkens bewegte. Reaktionäre Antimodernisten, wie ihnen oftmals unterstellt wurde, waren sie indes nicht. Sie träumten von einer naturnahen Wendezeit; von einer Einheit von Körper, Geist und Seele und von einer unverkrusteten Gesellschaft, die dem Leben und einer unverstellten Leiblichkeit mehr Raum gibt.

Die ersten ökologischen Impulse des vergangenen Jahrhunderts gingen von der Lebensphilosophie aus. Dies ist nicht weiter verwunderlich, da in jener Geistesströmung eine Nähe zum Leben und zur Natur gefordert wurde. Die Wandervogelbewegung war Ausdruck einer derartigen Sehnsucht nach der Natur. Man empfand die Stadt und deren Industrieanlagen, die in jener Zeit mitten in die Großstädte integriert wurden, als Bedrohung. Die rauchenden Schlote der Fabriken vermittelten eine Naturferne. Der Umbau Welt, der städtischen und industriellen Landschaften, die fortschreitende Asphaltierung, die mäandernden Strommasten, all das befremdete und änngstigte die Menschen. Es entstand nicht erst in dieser Zeit eine Sehnsucht nach Ursprünglichkeit und nach einem unmittelbaren Naturerlebnis. Schon die Landschaftsmalerei keimte im Grunde erst auf, als Menschen begannen, sich in Großstädte und Industrieanlagen zurückzuziehen.

Aus Anlass der Jahrhundertfeier, die die Freideutsche Jugend 1913 auf dem Hohen Meißner veranstaltete, verfasste Ludwig Klages den Aufsatz „Mensch und Erde“. Klages bezeichnet den Naturschutz als „meine letzte Leidenschaft“. Er war Mitglied des Heimatschutzbundes und später trat er in den Schweizerischen Bund für Naturschutz ein. Klages beklagt den mannigfachen Eingriff des Menschen in die Natur und die Rücksichtslosigkeit, mit der dies geschieht. Tierarten werden dezimiert. Naturlandschaften werden zerstört.

„Unter dem schwachsinnigsten aller Vorwände, dass unzählige Tierarten schädlich seien, hat er (der Mensch) nahezu alles ausgerottet, was nicht Hase, Rebhuhn, Reh, Fasan und allenfalls noch Wildschwein heißt.“

Aber es geht ihm nicht nur um die heimische Natur. Der Eingriff des Menschen in die Natur, sein zerstörerisches Wirken ist ein globales Problem.

„Um die sogenannte Kulturmenschheit mit Billardkugeln, Stockknöpfen, feinen Kämmen und Fächern und ähnlich ungeheuer nützlichen Gegenständen zu versehen, werden nach den neuesten Berechnungen achthunderttausend Kilogramm Elfenbein jährlich verarbeitet. Das ist gleichbedeutend mit der Niedermetzelung fünfzigtausend der gewaltigsten Tiere der Welt.“

Klages macht deutlich, wie sich die Werte für den modernen Menschen verschoben haben. Er hat die Ehrfurcht vor dem Leben verloren und ist nicht mehr in der Lage, den Wert des Lebens zu schätzen. Alles wir aufgerechnet in Geld, alles hat einen Marktwert, Billardkugeln können wichtiger sein als Elefanten.

„Die Mehrzahl der Zeitgenossen, in Großstädten zusammengesperrt und von Jugend an gewöhnt an rauchende Schlote, Getöse des Straßenlärms und taghelle Nächte hat keinen Maßstab mehr für die Schönheit der Landschaft, glaubt schon Natur zu sehen beim An-blick eines Kartoffelfeldes und findet höhere Ansprüche befriedigt, wenn in den mageren Chausseebäumen einige Spatzen und Stare zwitschern.“

Kaum noch ist der Mensch in der Lage, zwischen Natur- und Kulturlandschaft zu unterscheiden.

„Zerrissen ist der Zusammenhang zwischen Menschenschöpfung und Erde, vernichtet für Jahrhunderte, wenn nicht für immer, das Urlied der Landschaft. Dieselben Schienenstränge, Telegraphendrähte, Starkstromleitungen durchschneiden mit roher Geradlinigkeit Wald und Bergprofile, sei es hier, sei es in Indien, Ägypten Australien, Amerika; die gleichen grauen vielstöckigen Mietskasernen reihen sich einförmig aneinander, wo immer der Bildungsmensch seine segensreiche Tätigkeit entfaltet.“

Der Markt und die ihm nachfolgende menschengeschaffene Infrastruktur triumphiert über die Natur. Wo sieht Klages, wo sehen viele Lebensphilosophen die Ursache für die Entfernung von der Natur, für die mangelnde Sensibilität gegenüber dem Leben? Zum einen ist da das Unvermögen des modernen Menschen, in ganzheitlichen Zusammenhängen zu denken und die Welt als in seinem Innern beseelt zu begreifen. Stattdessen betrachtet man Einzelteile unter materialistischen Aspekten.

„Wir brauchen es nicht zu entscheiden, ob das Leben über die Welt der Eigenwesen hinausreiche oder nicht, ob die Erde, wie es der Glaube der Alten wollte, ein lebendes Wesen oder aber (nach der Ansicht der Neueren) ein unfühlender Klumpen ‚toter Materie’ sei; denn soviel steht fest, dass Gelände, Wolkenspiel, Gewässer, Pflanzenhülle und Geschäftigkeit der Tiere aus jeder Landschaft ein tieferregendes Ganze wirken, welches das Einzellebendige wie in einer Arche umfängt, es einverwebend dem großen Geschehen des Alls.“

Das Naturbild, was hier dargestellt wird, trägt animistische Züge. Die Natur scheint belebt, nicht tot. Alles ist miteinander verwoben, nicht zerstückelt und aufeinander unbezogen. Tieren, Pflanzen und Objekten wohnt eine Seele inne. Sie sind Lebewesen wie der Mensch. Sie sind Geschöpfe der Natur und ebenso wie der Mensch in deren Kreislauf eingebunden und nicht reduzierbar auch Mineralien, Aminosäuren und Reststoffe, nicht reduzierbar auf einen kommerziellen Nutzen. Sie sind nicht als klonbar und patentierbar.

Die menschliche Vernunft gerät ebenso wie die Vorstellungskraft immer wieder an ihre Grenzen. Das ist jedem gegenwärtig, wenn er nur einmal versucht, sich Unendlichkeit vorzustellen. Die moderne Physik vertritt gegenwärtig mehrheitlich die sogenannte Urknalltheorie. Trotzdem bleibt es unbegreiflich, wie denn aus nichts etwas werden kann. Selbst für den Urknall müssen Urstoffe, Gase, Kräfte, Energien vorhanden gewesen sein, um den „Urknall“ zu erzeugen. Woher dies alles kam, bleibt unbegreiflich. Und es sind nicht wenige Wissenschaftler, die an einer derartigen Schnittstelle letztlich auf religiöse Erklärungen verfallen, weil eben hier die Grenzen des Rationalen erreicht sind und das Irrationale beginnt.

Robert Musil spricht vom „Schlafwagenabteil der mathematisch-logischen Erkenntnismethode“.

“Man ist Strohhalm und Atem, und die Welt die zitternde Kugel. In jedem Augenblick entstehen alle Dinge neu; sie als feste Gegebenheiten zu betrachten, erkennt man als inneren Tod … Das ist die Stimmung philosophisch schöpferischer oder philosophisch eklektischer Zustände. Man kann sie intellektuell als verspäteter Christ auslegen oder das Fließen des Heraklit an ihr demonstrieren, überhaupt allerlei heraus- und hineinlesen, unter andrem auch ein ganz neues Ethos. Glauben wir daran? Nein. Wir spielen damit Literatur. Galvanisieren Buddha, Christus und andere Ungenauigkeiten. Ringsum tobt die Vernunft in Tausenden von PS. Man trotzt ihr und behauptet, in einem verschlossenen Kästchen eine andere Autorität zu haben. Das ist der Sammelkasten Intuition. Man öffne ihn doch endlich und sehe, was darin ist. Vielleicht ist es eine neue Welt.”

Die Lebensphilosophie macht nun das Irrationale zum Thema, sie hat den Mut dazu, und zwar von vornherein, nicht nur, weil sie irgendwann nicht mehr weiter weiß, weil sie an die eigenen Grenzen geraten ist. Sie tut dies, weil sie das Leben als Ganzes betrachtet und nicht bereit ist, einfach Teile der Erfahrung auszuschalten und zu leugnen, weil diese nicht deckungsgleich sind mit einer vorherrschenden gesellschaftlichen, universitären und in Wissenschaftskreisen dominierenden Ideologie, die rationalistisch geprägt ist. Sie macht nicht vor einer Sache halt, wenn diese nicht durch exakte wissenschaftliche Kriterien darstellbar ist.

Rationalismus und Wissenschaft können mit Argumenten des Lebens oft nicht viel anfangen. Sie wollen messen, berechnen und benötigen Zielvorgaben, um Input und Output zu vergleichen. Ethische Fragen sind ihnen fremd. Spätestens hier, bei der Ethik, beginnt das weite Feld des Irrationalen. Was soll der Mensch tun? Was ist gut? Was ist böse? Was ist das Leben? Was ist lebenswert? Alles Fragen, die allein rational nicht zu beantworten sind und doch nicht unbeantwortet bleiben können, weil es sich um zentrale Aspekte des Lebens handelt. Und zum Leben gehört eben auch das Irrationale.

Der Begriff „irrational“ transponiert zumeist jede Menge negativer Assoziationen. Man verbindet damit Bedeutungen wie „unvernünftig“, „vernunftswidrig“ oder „unüberlegt“. Wer irrational handelt, der tut dies dem gemeinen Verständnis nach ohne jedes Nachdenken und ohne alle Überlegung. Wem zum Vorwurf gemacht wird, sein Denken sei irrational, dem gibt man zu verstehen, er unterliege Trugschlüssen, Fehldeutungen oder offensichtlichen Irrtümern. Mit dem Vorwurf des Irrationalen ist in der Regel auch immer der Vorwurf verbunden, man schalte seinen Verstand nicht ein, man überlege nicht richtig, nicht folgerichtig, vernachlässige wider besseren Wissens eine geltende Ordnung und komme schließlich zu falschen Schlüssen und Auffassungen. In diesem Sinne wird dann das Irrationale auch als absurd, konfus, unklar und widersinnig aufgefasst.

Die im allgemeinen Sprachgebrauch vorherrschende fast ausschließlich negative Bedeutung des Wortes „irrational“ reflektiert die geradezu übermächtige gesellschaftliche Position des Rationalen. Für die meisten Menschen ist das Rationale gleichbedeutend mit dem Wissenschaftlichen und eng mit der Vorstellung verbunden, dass die Wirklichkeit, dass die gesamte Lebenswelt mit Hilfe der Wissenschaft letztlich durchschaubar, beschreibbar und auch kontrollierbar ist.

Paul Feyerabend geht auf die Ursprünge des Begriffes „rational“ in der vorsokratischen Philosophie zurück und zeigt auf, dass im Sinne von Herodot und Protagoras „rational“ bedeutet:

„Wir sind daran gewöhnt und die Sache gefällt uns.“

Möglicherweise hat der österreichische Physiker und Nobelpreisträger Wolfgang Pauli Recht, wenn er fordert:

“Ich glaube, dass es das Schicksal des Abendlandes ist, diese beiden Grundhaltungen, die kritisch rationale, verstehen wollende auf der einen Seite und die mystisch irrationale, das erlösende Einheitserlebnis suchende auf der anderen Seite, immer wieder in Verbindung miteinander zu bringen.”

Es ist kein Zufall, dass die Hochzeit der Graphologie mit jener der Lebensphilosophie zusammenfällt. Ludwig Klages war einer der Einflussgeber der Lebensphilosophie in Deutschland. In ihm ergänzen sich beide Themen in einem geradezu paradigmatischen Ausmaß. Die Schriftdeutung wird bei Klages aus einem lebensphilosophischen System heraus entwickelt. Was zuvor nicht viel mehr als eine Ansammlung graphologischer Erfahrung war und im Fleiß Michons, in dessen Sammelleidenschaft von Handschriften und der darauf aufbauenden systematischen Zuordnung von Schriftzeichen und Eigenschaften einen vorläufigen Höhepunkt fand, erfuhr nun eine qualitative Weiterentwicklung, mehr noch – eine Neuorientierung. Denn nun erst bekam die Graphologie ein Fundament.

Die Zusammenführung von Lebensphilosophie und Graphologie war im Grunde ein Quantensprung für die Schriftpsychologie. Denn nun war die Deutung der Handschrift nicht mehr bloß ein empirisches Geschehen, sondern sie erhielt eine philosophische Basis, einen gedanklichen und vor allem weltanschaulichen Untergrund. Klages Erkenntnis der einander gegenüberstehenden Prinzipien von Geist und Seele führte ihn zu der Annahme der Polarität der Schriftzeichen. Auch der in der Lebenswelt wirkende Rhythmus, jenes Naturphänomen des Lebendigen, fand seine Entsprechung in der Handschrift. Gleiches gilt für den Gegenpol, den Takt als Ausdruck des Künstlichen, Rationalen und Unlebendigen.

Und doch waren in der Graphologie, und insbesondere in deren deutscher Gestaltung immer schon lebensphilosophische Einflüsse vorhanden. Die intuitive Deutung der Handschrift ist seit Lavater eine wesentliche Methode, auf die bis heute nicht verzichtet werden kann. Das sich Einfühlen in die Schriftgestalt und die assoziative Verfahrensweise besitzen eine starke Nähe zu jener lebensphilosophischen Grundstrategie, die Dilthey als „Hermeneutik“ bezeichnet. Dilthey hat den Begriff zwar nicht erfunden, aber aus der künstlerischen Nische in das wissenschaftliche Interesse gerückt. Unter Hermeneutik versteht er ein systematisches Vorgehen im Dreischritt von Erkennen, Verstehen, und Interpretieren.

Das Wahrnehmen, das Verstehen – und hier ist der Akt der Auffassung, mithin das unmittelbare Verstehen gemeint – und letztlich die Interpretation: Das sind auch wesentliche Elemente der Graphologie. Die mechanische Analyse, das bloße Addieren von Schriftzeichen, das Ausmessen, das Vermessen – all dies tritt in den Hintergrund gegen-über dem deuterischen Vorgehen. Graphologie ist Schriftdeutung, ist Schriftinterpretation und setzt als solches die Einfühlung voraus. Es handelt sich dabei im Wesentlichen um Elemente der Hermeneutik und der Lebensphilosophie. Graphologie ist sozusagen  über weite Strecken eingebunden in einen lebensphilosophischen Kontext, der geschichtlich und, wenn man so will, schicksalsmäßig mit ihr verbunden ist.

Lebensphilosophie, bedeutet in gewisser Hinsicht aktive Philosophie. Man lebt. Man will das Leben in sich spüren. Lebhaftigkeit, Bewegung, Aktivität und Intensität gehören zum Leben dazu, machen es aus, sind bestimmend und gestaltend. Während die Rationalisten in der Einförmigkeit ihrer Denkhöhlen verharren und ängstlich Ab- und Umwege vermeiden, wenden sich die Lebensphilosophen dem Erleben zu. Die einen sind mehr zielorientiert. Für die anderen ist eher oder zumindest auch der Weg das Ziel. Für Graphologie und Lebensphilosophie gilt: Ohne Einfühlung, ohne Sinnlichkeit, ohne Nacherleben, ohne Intuition und Kreativität geht es nicht. Dies sind sogar die wesentlichen Elemente, hinter denen das Rationale zurückstehen muss. Das Warme siegt über das Kalte, die Nähe dominiert über die Ferne, das Organische steht über dem Anorganischen.

Ein anderes Merkmal der Lebensphilosophie ist auch das „Außeruniversitäre“. Man kann beinahe sagen – die Opposition zum universitären Wissenschaftsverständnis. Man entwickelt sich vor allem außerhalb des Universitätsbetriebes, sei es gewollt oder ungewollt.

Die meisten Lebensphilosophen haben hauptsächlich außerhalb der Universität gewirkt. Klages war im Grund Zeit immer Privatgelehrter. Theodor Lessing arbeitete als Journalist. Georg Simmel erhielt erst spät eine Professur. Nietzsche gab die universitäre Laufbahn aus freien Stücken auf. Der Klagesfreund Alfred Schuler, den man getrost als Lebensphilosophen bezeichnen kann, wirkte nur durch seine Vorträge und verhinderte immer wieder, dass schriftliche Zusammenfassungen seiner Gedanken publiziert wurden. Erst postum veröffentlichte Klages einiges von und über ihn. Ebenso wie die Lebensphilosophie im Wissenschaftsbetrieb nie richtig Fuß gefasst hat, weil sie dem Leben zu nah und der Wissenschaft zu fern war, ebenso verhält es sich mit der Graphologie. Auch letztere hat sich nie richtig universitär etablieren können, oder sollte man nicht besser sagen – wollen.

Die nachfolgende Übersicht ist eine tabellarische Zusammenfassung der wichtigsten Elemente, Ideen, Wertvorstellungen und Ideologien, die für die Lebensphilosophie richtungsweisend sind (und ebenso für die Graphologie). Es werden jeweils nur die Schlagworte aufgelistet. Demgegenüber zur Abgrenzung und weil es so etwas wie der Gegenpol ist, finden sich entsprechende Begriffe, die mit dem Rationalismus assoziierbar sind.

Lebensphilosophie Rationalismus
Irrationalismus Rationalismus
Gefühl Verstand
Unvernunft, Spontaneität Vernunft
Subjektivismus Objektivismus
Kreativität Logik
Praxis Theorie
Erfahrung Evaluation
Unbewusstes Bewusstes
Interpretation Analyse
Kunst Technik
Kreativität Kompilarität
Geisteswissenschaft Naturwissenschaft
Relativismus Absolutismus
Seele, Leben Geist, Verstand, Vernunft
Natur Technik, Mechanik, Industrie
Unsicherheitsdenken Sicherheitsdenken
Holismus (Ganzheitsdenken) Atomismus, Partikularismus
Körper, Leib als untrennbarer
Teil der Seele
Leib als bewusstlose Hülle
Ekstase, Emotionalität Ruhe, Besinnung, Nachdenken
emotionale Intelligenz rationale Intelligenz
Rhythmus Takt
Wertzuwachs Machtzuwachs
Relativismus Absolutismus